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Facebook: Neue Funktionen vorgestellt

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Entwickelt sich Facebook zunehmend zu einer xRM-Plattform? | Von Johannes Britsch

Facebook-Konferenz

Diese Woche hat Facebook-Gründer Mark Zuckerberg neue Features des global reichweitenstärksten Social Network (ca. 600 Millionen User) vorgestellt. Neu sind “Groups” und ein “Dashboard” – hört sich verdammt nach CRM-Lösungen an? Da könnte durchaus etwas dran sein… Schauen wir uns z.B. die offizielle Beschreibung der Gruppen-Funktion an:

“Watch how to use the new Facebook Groups to build a space for important groups of people in your life – your family, your soccer team, your book club, to name a few.”

Eine “wichtige Gruppe in unserem Leben” blieb interessanterweise unerwähnt: Unternehmen. Dabei macht die neue “Group”-Funktionalität Folgendes möglich:

  • Erstellung geschlossener Gruppen, zu denen nur eingeladene Mitglieder Zugang erhalten
  • Erstellung geheimer Gruppen, deren Existenz für Nichtmitglieder nicht sichtbar ist
  • Gruppen-Chat, der die Kollaboration aller Mitglieder einer “Group” erlaubt
  • Dokumentenaustausch zwischen Gruppenmitgliedern (dazu passt z.B. auch die neue Möglichkeit, Photos bis zu einer Auflösung von 720×2048 Pixel auf Facebook hochzuladen)

Gerade für Start-Ups und kleine Unternehmen handelt es sich somit durchaus um interessante Tools zur internen Kommunikation und Zusammenarbeit. Warum kommuniziert Facebook diese Funktionen aber ausschließlich als Lösung für den privaten Einsatz?

Bereitet Facebook einen Angriff auf den Business-Markt vor?

Die Tendenz, dass sich Facebook als einheitliche Lösung für alle soziale Konstrukte positionieren will, ist unübersehbar: Auf Facebook sollen private, wie auch Kunden- und Mitarbeiternetzwerke von Firmen zusammenlaufen. In diesem Sinne könnte man von einer simplen xRM-Lösung sprechen, die allerdings (noch?) auf historisch-analytische Auswertungen von Kontakten verzichtet.

So ist es denkbar, dass Facebook Funktionen wie “Groups” oder “Dashboard” zuerst im “Privatbereich” testet. In den letzten Tagen erhielt man hierdurch schon sehr nützliches Feedback. Kritisiert wurde von Nutzern u.a. das sogenannte “Opt-Out”-Verfahren der Gruppenzusammenstellung. Die Mitgliedschaft eines Nutzers bei einer Gruppe erfolgt demnach automatisch, wenn ihn ein Freund hinzufügt; Facebook fragt den betroffenen User nicht zuerst um Erlaubnis. Außerdem sei z.B. das Dokumenten-Sharing noch sehr simpel gehalten. Wenn Facebook diese Problemfelder nach und nach ausmerzt, könnte allerdings eine ernsthafte Konkurrenz entstehen für bestehende Business-Lösungen wie:

  • Tools für die intere Kollaboration in Unternehmen (z.B. Yammer, Salesforce Chatter) – Anbieter dieser Lösungen haben sich in der Vergangenheit oft selbst als “Facebook für Unternehmen” bezeichnet. Sie besitzen ein ähnliches Look & Feel und bieten einen an Facebook angelehnten Funktionsumfang (Live-Feed, Status Updates, Short Messages etc.).
  • Business-Netzwerke (z.B. Xing, LinkedIn) – Bisher verfolgten viele Leute den Ansatz, private und persönliche Beziehungen über Facebook zu pflegen, Geschäftskontakte hingegen über Xing oder LinkedIn. Diese Grenze dürfte in Zukunft immer mehr verwischen, weil User für ihr Arbeitsleben jetzt auch einfach eine Gruppe auf Facebook anlegen können.

Problematiken und Einschätzung

Natürlich die die neue “Gruppen”-Funktion ein sinnvolles Feature, welches das soziale Leben in der Realität besser abzubilden vermag. Erwähnenswert ist vielleicht, dass deutsche Netzwerke wie die der VZ-Gruppe (z.B. studiVZ) schon länger geschlossene Gruppenbildungen erlauben. Soweit ich weiß, war Schueler.cc sogar einer der ersten Anbieter, der sein Online-Netzwerk komplett in Gruppen strukturierte (in diesem Fall: Schulen und Klassen).

Für Facebook werden sich “Groups” finanziell gewiss rechnen. Erstens sortieren sich User durch die neue Funktion selbst in Interessengruppen. Indem man sieht, was ihnen wichtig ist, können Nutzer zielgenauer mit Werbeschaltungen angesprochen werden. Zweitens könnte eine verstärkte Ausrichtung auf Unternehmenslösungen (evtl. mit kostenpflichtigen Zusatzdiensten) als zweites Standbein für die zukünftige Monatrisierung des Facebook-Geschäftsmodells wichtig werden.

Die kritische Frage für den Business-Einsatz von Facebook ist zweifelsfrei, inwiefern man Facebook Unternehmensdaten anvertrauen kann. Saloppe Zitate des jungen Mark Zuckerberg über Datenschutz machten dieses Jahr in der Presse die Runde (nachzulesen u.a. hier). Ebenso muss bedacht werden, dass die einheitlichen Zugangs-Passwörter der Facebook-Nutzer für den privaten und geschäftlichen Bereich zu einem potentiellen Sicherheitsrisiko für Unternehmen werden können. Auch dass die Facebook-Server in Amerika stehen, würde mich wegen Zugangsrechten der US-Behörden (“Homeland Security Act“) bedenklich stimmen. Sollte es um wirkliche Geschäftsgeheimnisse gehen, würde ich als WordPress-Fan eine mit Buddypress selbstgebaute, kostenlose Kollaborationsplattform vorziehen.

Ein Risiko für Facebook sehe ich allmählich darin, dass die Seite mit Funktionen immer überladener wird. Facebook wird komplexer, es droht der “Funktionen-Overkill”. Bei der Diskussion des Themas auf Netzwertig kam im Zusammenhang mit Facebook der treffende Begriff “AOL des 21. Jahrhunderts” als Sinnbild für die Verwaschung des Kern-Nutzerlebnisses (einfach Kontakt mit Freunden halten) auf. Mit der Bedienung der Seite sind die meisten User mittlerweile überfordert. Als ich z.B. für xRMblog eine Facebook-Page erstellen wollte, habe ich aufgrund unklarer Benutzerführung mehrere Versuche benötigt und endete damit, fünf “aus Versehen” generierte Pages wieder löschen zu müssen – und selbst dafür musste ich im Netz nach einem Tutorial suchen…

Einen letzten interessanten Aspekt der Feature-Offensive von Facebook bringt die TAZ ein: Das Verhalten von Facebook kann auch als Ablenkungsaktion gewertet werden. In diesen Tagen ist in den Kinos weltweit der zwar fiktive, aber trotzdem wenig schmeichelhafte Spielfilm “The Social Network” über die Gründung des Konzernes angelaufen. Als Reaktion spendete Zuckerberg Millionen für arme Schulen in New Jersey und kündigte zum dritten Mal in einem Monat neue Produkte an. Trotzdem steht der Film des Regisseurs David Fincher an den Spitzen der internationalen Kinocharts. Damit das so bleibt und sich mehr Leute über xRM Gedanken machen, hier noch einmal der Trailer:

Weiterführender Link: Facebook-Groups

Autor: Johannes Britsch

Johannes Britsch ist Doktorand an der Uni Mannheim. Seine Interessen umfassen xRM, Managementkonzepte, KMU sowie Entrepreneurship. Er ist "Erbauer" dieses Blogs und schreibt manchmal in der dritten Person von sich.

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