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Zukunft Bürgerbeziehungsmanagement?

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Anything Relationship Management könnte Bürgerbeteiligung erleichtern | Von Johannes Britsch

Protest

In letzter Zeit häufen sich die Forderungen, Bürger stärker in staatliche Entscheidungsprozesse zu involvieren. Oft wird im gleichen Atemzug von einer “Entfremdung” der Regierungen von ihren Bürgern gesprochen. Das Web 2.0 bietet Bürgern dagegen eine neue Plattform und neue Möglichkeiten, sich politisch zu organisieren – mit spürbaren Folgen weltweit…

Die Situation international

Die politische Macht des Internets wurde zum ersten Mal flächendeckend in den USA sichtbar, als Barack Obama 2008 zum Präsidenten gewählt wurde. Interessant ist, dass der damalige Web-Stratege Obamas, Thomas Gensemer, mittlerweile auch die deutsche Politik berät. Sein Posten bei der CDU nennt sich laut einem Artikel im Handelsblatt tatsächlich “Citizen Relationship Management”. Jedoch berichtet Gensemer von Bedenken der Parteien gegenüber der Nutzung des Web 2.0: “Die Menschen müssen das Gefühl bekommen, Teil des Wahlkampfteams zu sein [...] [D]as mag ein schwieriger und beängstigender Gedanke für viele Politik-Strategen sein.“

Welche Ausmaße der Kontrollverlust der Politik durch das Internet annehmen kann, zeigt sich in diesen Wochen in nordafrikanischen und arabischen Staaten, allen voran in Ägypten. Widerstände gegen die autoritäre Staatsgewalt formierten sich bei jungen Leuten in Form von Gruppen in sozialen Netzwerken, durch YouTube-Videos und Twitter-Botschaften. Ebenso wurden diese Medien anscheinend auch für die Organisation der Protestkundgebungen genutzt.

Inwiefern in Tunesien oder Ägypten von einer “Facebook-Revolution” gesprochen werden kann, sei dahingestellt. Ein Spiegel-Essay zeigt sich diesbezüglich sekptisch und zieht eine Untersuchung des TV-Senders al-Dschasira heran: Bei den Demonstrationen im Iran 2009 twitterten nach den gefälschten Wahlen nur rund 60 Leute tatsächlich aus Teheran. Aber: Erstens sind Internet und soziale Dienste heute weiter verbreitet als vor zwei Jahren. Und zweitens ist davon auszugehen, dass die Mediennutzung in Nordafrika deutlich westlicher geprägt ist als dies im Iran der Fall ist.

Insgesamt führen uns die aktuellen Ereignisse klar vor Augen, dass die Politik die Bürgermeinungen im Internet nicht mehr nur registrieren – oder schlimmstenfalls ignorieren – sollte. Vielmehr muss es in Zukunft darum gehen, die Bevölkerung aktiv in Entscheidungen einzubinden und so eine engere Beziehung zwischen Staat und Bürgern aufzubauen. Hierzu werden geeignete Werkzeuge benötigt, die von xRM-Plattformen bereitgestellt werden können.

Neben e-Government-Applikationen und bekannten Tools wie Online-Diskussionsforen sind neue geografische Dienste eine spannende Entwicklung in diesem Bereich. Ein Beispiel aus England: Die britische Polizei bietet auf ihrer Internetseite interaktive Karten an, auf denen Verbrechen eingezeichnet sind. Neue Verbrechen können die Bürger bequem per Mail-Formular melden. Darüber hinaus stellt die Polizei eine “Verbrechens-Heatmap” und sogar eine App für Smartphones online zur Verfügung.

Die Situation in Deutschland

Was passiert in Deutschland? Wie Internet-Berater Gensemer oben im Text zu Bedenken gibt, werden Citizen-Relationship-Management-Angebote bei uns zögerlicher als anderswo eingeführt. Vor zwei Wochen stoppte der Bundestag-Ältestenrat ein Projekt der “Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft“, interessierte Bürger im Netz stärker in die Kommissionsarbeit zu involvieren. Der (somit gescheiterte) Plan war, dass die Bevölkerung über die Open-Source-Lösung Adhocracy kooperativ Beiträge einbringen und miteinander diskutieren könnte.

Auch wenn dieser Vorschlag (vorerst?) zu den Akten gelegt wurde, gibt es doch einige Lichtblicke für Bürgerbeteiligung im Internet, die die deutschen “Wutbürger” Hoffnung schöpfen lassen. Eine Auswahl:

  • Stadtwiki der Stadt Karlsruhe: Das “Karlsruhe-Wiki” ist ein beeindruckendes Informationsportal für die Region Karlsruhe. Es umfasst über 22.000 Artikel, knapp 18.000 Bilder und wird von den Nutzern ständig durch aktuelle Inhalte erweitert – von Nachrichten bis hin zu Veranstaltungsdaten.
  • Karlsruhe Feedback: Eine iPhone-App, mit der man der Stadt Karlsruhe einfach Rückmeldung geben kann. Sei es, um herumliegenden Müll zu melden, kaputte Wege, zugeparkte Radwege, zu viele Schilder usw. Die App erfasst die aktuelle Position per GPS, bietet die Moglichkeit, Bilder zur Dokumentation zu machen und Informationen zur Art des Problems einzugeben. Die gesammelten Daten werden an das jeweils zustandige Amt weitergeleitet. Kostenlos im iTunes-Store verfügbar.
  • Echo: Ein Open-Source-Gemeinschaftsprojekt für aktive Bürgerbeteiligung, aktuell noch in der Beta-Phase. Der Prototyp von echo ist unterteilt in die Kollaborationsgebiete “Diskutieren – Vernetzen – Handeln” und soll “konstruktive, sprachübergreifende Massendialoge” ermöglichen.
  • Freiburger Beteiligungshaushalt: Brandaktuelles uns spannendes Thema. Diese Woche hat die Stadt Freiburg eine neue Internetplattform gestartet. Bürger sollen sehen können, wie die Stadt ihr Geld ausgibt. Neben umfassenden Informationen gibt es dort auch Diskussionsforen, auf denen User Anregungen, Vorschläge, Wünsche und Kritik zur Mittelverwendung äußern können. Die Beiträge leitet die Verwaltung schriftlich an die Gemeinderäte und -rätinnen weiter. Immerhin…

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Autor: Johannes Britsch

Johannes Britsch ist Doktorand an der Uni Mannheim. Seine Interessen umfassen xRM, Managementkonzepte, KMU sowie Entrepreneurship. Er ist "Erbauer" dieses Blogs und schreibt manchmal in der dritten Person von sich.

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