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Facebook: Wissenschaftliche Erkenntnisse

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Zusammenfassung & Kommentar zum Zeit-Artikel “Forschen mit Facebook” | Von Sebastian Weiß

Spinnennetz

Der “Facebook Happiness Index”, die Dunbar-Zahl und viele weitere Forschungsarbeiten zeigen, dass Facebook eine Fundgrube für die aktuelle Forschung darstellt. Durch die vorhandene Datenmenge können neue Einblicke in zwischenmenschliche Beziehungen gewonnen werden.  In welchen Bereichen wird geforscht, was sind dabei auftretende Probleme und wie können die möglichen Konsequenzen dabei aussehen.

Facebook Happiness Index: Der traurigste Tag der Deutschen im Jahr 2010

Am 7. Juli 2010 sank der “Facebook Happiness Index” der Deutschen auf sein Jahrestief. Die deutsche Nationalmannschaft verlor an diesem Tag mit 0:1 gegen Spanien. Seit 2007 ermittelt Facebook diesen Index auf nationaler und internationaler Ebene anhand von positiven und negativen Ausdrücken in den Statusmeldungen. Der Tiefpunkt des Deutschen-Index wurde durch den Selbstmord des US-Schauspielers Heath Ledger Anfang 2008 ausgelöst. Ihren Höchstwert abgesehen von Feiertagen erreichte der Wert nach Barack Obamas Wahlsieg. Der Sozialwissenschaftler Niels van Doorn hebt die Schnelligkeit und Genauigkeit im Gegensatz zu einer Umfrage hervor. Allein durch die genutzte Datenmenge kann eine hohe statistische Genauigkeit erreicht werden. Soziale Netzwerke ermöglichen somit Umfragen in nie dar gewesenem Umfang. Ereignisse wie Erdbeben, Tsunamis und der Reaktorunfall in Japan hatten jedoch keinen Einfluss auf den Indikator der Deutschen.

Zwei Seiten einer Medaille: Datenschutz

Was bei Softwarespezialisten für Kopf schütteln sorgt, lässt auf der anderen Seite Sozio- und Psychologen jubeln. Der teilweise vernachlässigte Datenschutz in sozialen Netzwerken ermöglicht der empirischen Sozialforschung neue Möglichkeiten. Bei Facebook bedeutet dies 700 Millionen Menschen äußern Gefühle und Gedanken und bieten damit Einblicke in ihr Leben. Wichtig bei der Suche nach nützlichen Informationen – aus dem Datendschungel -  sind die geeigneten Werkzeuge. Die aktuelle Stimmung in der Forschung ist vergleichbar mit dem Goldrausch aus den Gründerjahren der USA. Die Wissensgemeinde erwartet einige neue Erkenntnisse über menschliche Beziehungen und Verhaltensweisen.

Benutzerprofile auf sozialen Netzwerken: Echt oder fake

Dabei stellt sich die Frage ob die Facebook-Benutzerdaten authentisch oder inszeniert sind. In den letzten Jahren kommt es schrittweise zu einem Wandel hin zu der Überzeugung, dass sich die reale Identität in sozialen Netzen durchsetzt. Die Psychologin Mitja Back von der Universität Mainz führte zu diesem Zweck ein Experiment mit Benutzern von sozialen Netzwerken aus Deutschland und den USA durch. Dabei wurden das reale Verhalten und die Persönlichkeit eines Nutzers mit dessen Aussagen auf der Profilseite verglichen. Das Ergebnis bestätigt, dass reale Persönlichkeitseigenschaften in den Profilen abgebildet sind. Dieses Ergebnis wird bestätigt von der Aussage einer Medienwissenschaftlerin, die diese Tendenz in die Nutzung des Telefons und  E-Mails einordnet. Durch deren Eingliederung in den Alltag verschwimmen immer mehr die Grenzen, die eine strikte Trennung zwischen Online und Offline erschwert.

Forschungsgebiete: ein bunter Strauß

Mehr als 200 wissenschaftliche Arbeiten wurden mit Facebook-Daten bereits erarbeitet. Dabei ging es beispielsweise um den Einsatz von Facebook in der universitäre Lehre und die Unterstützung  von sozialen Netzwerken in der ärztlichen Betreuung. Auch Familienforscher nutzen zur Analyse familiärer Strukturen und Verhaltensweisen den vorhandenen Datenschatz. Eine norwegische Studie bestätigt dabei, dass Familienbeziehungen vermehrt auf Facebook gepflegt werden. Eine interessante Beschreibung dieses Phänomens besagt, dass durch die Globalisierung die Welt größer wurde und mit Hilfe von sozialen Netzwerken rückt sie wieder näher aneinander.

Hindernisse für Forscher: der versperrte Weg ins Paradies

Ein großes Hindernis besteht für Forscher am Zugang zu den Daten. Mit Hilfe von Suchrobotern kann dabei auf öffentliche Informationen zugegriffen werden. Dabei kann aber häufig nicht mehr als der Benutzername ermittelt werden. Facebook verbietet diesen illegalen Datenzugriff in den Nutzungsbestimmungen. Anonymisierte Datensätze werden nur in den seltensten Fällen an externe Forscher übergeben. Zur Datengenerierung programmieren externe Forscher häufig Anwendungen bei denen das Verhalten der Nutzer aufgezeichnet wird. Diese Datensätze verlieren jedoch schnell ihre Repräsentativität, wenn Nutzer nicht zustimmen.

Forscher bei Facebook: die Dunbar-Zahl und weitere unbegrenzte Möglichkeiten

Wisschenschaftler von Facebook kennen diese Probleme nicht. Ihnen steht der gesamte Datenbestand zur Verfügung. Sie, zu Ihnen gehören die Begründer des Facebook Happiness Index, fanden durch eine Erweiterung ihres Index heraus, dass z.B.  Facebook-Mitglieder in einer Beziehung glücklicher sind, als ein Durchschnittsbenutzer. Ein weiterer Forschungsbereich beschäftigt sich mit der Anzahl an Menschen zu denen man eine wirkliche Beziehung führen kann. Der Anthropologe Robin Dunbar stellte fest, dass die Obergrenze 150 beträgt. Unabhängig ob die Beziehung offline oder online besteht, wird sie von unserem Gehirn festgelegt. Die sozialen Netzwerke bestätigten die Dunbar-Zahl. Die durchschnittliche Zahl an Freunden liegt bei 120 und selbst bei sehr großen Online-Freundeskreisen besteht ein regelmäßiger Kontakt zu lediglich einem knappen Dutzend “Freunden”.

Die dunkle Seite von Facebook: Stalking, Mobbing, Partyfotos

Zukünftige Arbeitgeber beurteilen weibliche Bewerberinnen in Jobinterviews härter, wenn sie zuvor auf dem Facebook-Profil der Bewerberin saloppe Äußerungen fanden. Eine andere Arbeit ergab, dass das Surfen auf Facebook bis zu fünf Prozent der Produktivität vernichtet.

Neue Herausforderung: Trennung von Freundeskreisen

Ungelöst ist im Moment noch die Frage, wie verschiedene Freundeskreise voneinander getrennt werden. Bereits die Medicis trennten strikt Heirats- von Handelskreisen. Mit der Option Freunde zu speziellen Gruppen zuzuweisen, könnte Facebook ein Schritt weiter an die Realität angenähert werden.

Facebook und das reale Leben: wie unsere Vorfahren

Soziale Netzwerke wirken sich ebenfalls auf das reale Leben aus, sie bieten eine neue Vielfalt der Einflussnahme. Sie haben Auswirkungen auf die besuchten  Konzerte, die gekauften Produkte und die ausgewählten Restaurants. Dieser Trend zeigt sich auch durch die schnelle Bekanntheit von YouTube-Videos, die in Facebook gepostet wurden. Diese Entwicklung deutet daraufhin, dass wir uns in einer immer komplexer werdenden Gesellschaft – wie unsere Vorfahren – wieder mehr auf Empfehlungen von Freunden verlassen.

Kommentar: Facebook und die Rettung der menschlichen Beziehungen

Eine statistische Auswertung von globalen und nationalen Stimmungen anhand von Facebook Statusmeldungen – wie den “Facebook Happiness Index” – stellt Voraussetzungen an den Benutzer. Statistik kann mit Ironie oder schwarzem Humor nicht umgehen, es gibt also eine beträchtliche Anzahl an Meldungen, die falsch interpretiert werden.

Die Entwicklungsreihe von Telefon über E-Mail zu sozialen Netzwerken finde ich interessant, jedoch nimmt aus meiner Sicht dabei die Entpersonalisierung in gleichem Maße zu. Die Selbstinszenierung und Imagepflege mittels Facebook ist für mich unbestritten. Sie bezieht sich auf Personen sowie auf Firmen und Marken. Es ist sehr einfach auf Facebook etwas über sich zu schreiben, aber ein komplett anderes genauso zu handeln.

Der große Vorteil von sozialen Netzwerken liegt für mich im oben beschriebenen Phänomen, dass Facebook der Entfremdung durch Globalisierung entgegenwirkt. Durch die hohe Mobilität der Nutzer und des sich schnell ändernden Umfelds bleiben dem modernen Menschen heutzutage kaum Alternativen, um mit einer größeren Anzahl an Freunden in Kontakt zu bleiben. Bei älteren Generationen verloren sich viele Menschen nach der Schule oder Ausbildung aus den Augen. Soziale Netzwerke setzen dabei einen spürbaren Gegentrend.

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Sebastian Weiß

Autor: Sebastian Weiß

Sebastian Weiß studiert an der Uni Karlsruhe Wirtschaftsingenieurwesen. Dabei beschäftigt er sich unter anderem mit den Themen Wissensmanagement und der Analyse von Netzwerken im Relationship Management. Seit einem Aufenthalt in China betrachtet er soziale Beziehungen aus einer völlig neuen Perspektive.

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