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Firmenzusammenhalt stärker als Tsunamis

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Der 11.3.11 zeigt: In Japan funktionieren (Geschäfts)beziehungen anders | Von Johannes Britsch

Kirschblüte

Anfang April war ich zwei Wochen im Urlaub. Wo? In Tokyo! Vor Ort konnte ich einige Impressionen einholen: Wie gehen Japaner mit dem verheerenden Tsunami um, der Anfang März die Nordostküste des Landes verwüstet hat? Wie reagieren die Bewohner Tokyos auf die nukleare Gefahr, die von dem zerstörten Atomkraftwerk Fukushima ausgeht? Und was hat das alles mit xRM zu tun?

Die Situation in der Hauptstadt Nippons

Ich war einer von zwei ausländischen Passagieren im Flugzeug nach Tokyo. Anscheinend gab es viele Reiseabbrüche – ein so leeres Flugzeug habe ich noch nie erlebt. In Japans Hauptstadt war die Situation ähnlich. Kaum Ausländer am Flughafen Narita, im Stadtzentrum Shinjuku, am weltberühmten Tsukiji-Fischmarkt und an anderen Attraktionen. Der Auslandstourismus scheint komplett zum Erliegen gekommen zu sein. Umso besser für mich. Etwas weniger überfüllt ist Tokyo etwas weniger stressig.

Ansonsten geht das Leben in Tokyo ganz normal weiter. Business as usual. Die Japaner haben ihren Samurai-Spirit beibehalten; den Ausspruch “Ganbaro!” (“Strengen wir uns an!”) kann man an jeder Straßenecke hören. Bis heute hält sich in Japan die Vorstellung, dass man die Schäden, die durch die Katastrophe entstanden sind, reparieren kann. Selbst die evakuierten Einwohner der Fukushima-Region wollten so schnell wie möglich zurück zu ihren Häusern.

Kleine Unregelmäßigkeiten konnte man nur in den Supermärkten finden: Dort war das Wasser oft ausverkauft. Joghurt gab es ebenfalls nur vereinzelt. Das lag allerdings daran, dass der Tsunami einige Fabriken zerstört hatte, die die Verpackungen hergestellt hatten. Ach, und Nachbeben waren auch in Tokyo täglich zu spüren. Erstaunlicherweise gewöhnt man sich daran. Wie meine japanische Freunde meinten: “Stell dir einfach vor, du bist auf einem schwankenden Schiff.”

Skyline Tokyo

Zwischenmenschliche Beziehungen: Sehr anders

“Das unglaubliche Volk” titelte der Spiegel über die Japaner. Die japanische Disziplin, Gelassenheit oder Gleichgültigkeit (je nach Interpretation) wird im Ausland meist nicht verstanden. Wie groß die kulturellen Unterschiede sind, zeigt sich auch im Bereich von zwischenmenschlichen Beziehungen. Hier zwei Beispiele direkt aus dem japanischen Fernsehen. Die Sendung muss man sich ähnlich vorstellen wie das deutsche Format “Versteckte Kamera”:

1. Verheiratete Paare werden am Strand gefilmt. Die Ehefrau ist eingeweiht und hat die Aufgabe, ihren ahnungslosen Mann dazu zu bringen, ihre Hand zu halten (Level 1), ihr zu sagen, dass er sie liebt (Level 2) und sie zu küssen (Level 3). Dazu haben sie 9 Minuten Zeit. Schafft sie es, bekommen sie einen Geldpreis. Von zehn verheirateten Paaren haben es am Ende ganze zwei geschafft. Allen anderen Männern war es zu peinlich, in der Öffentlichkeit Gefühle zu zeigen. An einem menschenleeren Strand.

2. Ein anderes verheiratetes Paar wird im Restaurant gefilmt. Dieses Mal will ein Mann seine Frau hereinlegen. Wie? Mit Salz im Kaffee? Nein, er legt ihr plötzlich Scheidungspapiere unter die Nase. Zehn Minuten hält er das Spiel durch und erzählt der sichtlich geschockten Frau, dass er sich von ihr trennen will. Dann betritt das Kamera-Team den Raum. Das Resultat: Die Ehefrau lacht und meint allen Ernstes zu ihren Mann: “Was ein toller Streich. Jetzt weiß ich unsere Beziehung wieder wertzuschätzen!” Zur Nachahmung nicht empfohlen.

Tokyo Tower

Beziehungen in Wirtschaft und Politik: Sehr wichtig

Es ist allgemein bekannt, dass im japanischen Wirtschaftsleben überaus starke Seilschaften und Beziehungsgeflechte existieren. Dies hat viel mit einer strengen Auslegung von Gruppenzugehörigkeiten zu tun. Ähnlich wie in China (vgl. Jiasheng Wangs Artikel) gehört man in Japan entweder zu einer Gruppe (“uchi”) oder steht außerhalb (“soto”). In schwierigen Zeiten – wie eben Naturkatastrophen – hat diese Vorstellung den Vorteil, dass man schnell “zusammenrücken” und Differenzen überspielen kann. Kurz: Harmoniestreben – innerhalb der Großgruppe des japanischen Volkes (“uchi”).

Am besten funktioniert dieses System natürlich, wenn eine Gefahr von außen (“soto”) besteht. Und hier kommt nun eine geradezu paradoxe Beobachtung ins Spiel: Die Anteilnahme und Spendenbereitschaft aus dem Ausland in Folge der Tsunami-Katastrophe war den meisten Japanern – meinen Gesprächen zufolge – sehr unangenehm und ausgesprochen peinlich. Warum? In Japan vermeidet man es, in der Schuld eines anderen zu stehen.

Als aber die Berichterstattung aus dem Ausland immer kritischer wurde, wurde der “Kampfeswillen” (“ganbaro”) in Japan wieder geweckt. Die Informationspolitik der Regierung wurde in der Öffentlichkeit kaum noch kritisch hinterfragt. Dass Dorfversammlungen übertragen wurden, in denen Tepco-Manager von betroffenen Bürgern mit – nun – erhobener Stimme um klare Informationen gebeten wurden, war die extremste Form von inländischer Kritik, die man im TV sehen konnte. Viel eher wetterte das Fernsehen über die übertriebene Atom-Berichterstattung und Panikmache aus dem Ausland (“soto”). Allen Ernstes reisten japanische Reporter durch Frankreich und drehten Dokumentationen nach dem Motto: “Warum regen sich die Europäer auf? Die haben doch selber Atomkraftwerke!”

Sushi

Die Auswirkungen der Tsunami-Katastrophe auf Geschäftsbeziehungen

Die Tatsache, dass viele ausländische Firmen ihre Mitarbeiter schnell aus Tokyo abgezogen hatten, führte außerdem zu einer Wortneuschöpfung: Aus “gaijin”, der abwertenden Bezeichnung für Ausländer, wurde “flyjin” – ein Ausländer, der bei Gefahr schnell abhaut. Wenn man hingegen wie ich, sozusagen einem “Anti-flyjin”, ein Restaurants betrat, wurde man ausgesprochen freundlich empfangen. Trotz angespannter Lage nach Japan zu kommen, das wurde einem hoch angerechnet. Auch ausländischen Firmen, deren Vertreter gerade jetzt in Japan geblieben waren oder unterstützend tätig wurden, standen plötzlich neue Möglichkeiten und Geschäftskontakte offen.

Wenn man sich mit japanischen Firmenangestellten unterhielt, kam jedoch schnell heraus, dass diese durchaus Verständnis für das vorsichtige Handeln ausländischer Unternehmen hatten. Mehr noch: Viele hätten sich ein ähnliches Vorgehen auch von heimischen Betrieben erhofft. Der krasse Gegensatz wurde durchaus wahrgenommen: Bei deutschen Autoherstellern wurden Urlaube anberaumt und Büros in den Süden verlagert, bei deutschen IT-Konzernen wurden Angestellte mitsamt Familien in Hotels untergebracht. Bei japanischen Unternehmen setzte sich der Chef dagegen oft für alle sichtbar in die Mitte der Großraumbüros und fertigte eine Liste an: Wer ist da, wer nicht?

Der daraus resultierende Gruppenzwang führte dazu, dass die meisten Angestellten regulär in Tokyo blieben. “Ich habe keine Zeit für Panik. Ich muss arbeiten!”, hörte ich mehrfach als Begründung  für die scheinbare Coolness der Japaner. Trotzdem wird sich – ausgelöst durch die verschiedenen Reaktionen nach der Katastrophe vom 11.3.11 – meiner Meinung nach in Zukunft ein bereits spürbarer Trend in Japan verstärken: Ausländische Unternehmen als Arbeitgeber zu wählen. Besonders Japanerinnen, die hier zudem ein größeres Karrierepotential sehen, gelten als Vorreiter auf diesem Gebiet.

Zusätzlich zeigte die Katastrophe, wie wichtig das Persönliche an Geschäftsbeziehungen im Land der aufgehenden Sonne tatsächlich ist. In Japan gilt es nicht nur den Kunden aufmerksam zu behandeln. Nein, das Gleiche gilt auch für Geschäftspartner, Zulieferer, Politiker, die Verwaltung – und zukünftig hoffentlich auch in zunehmenden Maße für die Mitarbeiter. Für die Pflege dieser mehrdimensionalen Beziehungsstrukturen werden computergestütze xRM-Lösungen immer mehr zu einer unverzichtbaren Hilfe werden. Gerade für westliche Unternehmen im asiatischen Raum.

Japan Smile

Autor: Johannes Britsch

Johannes Britsch ist Doktorand an der Uni Mannheim. Seine Interessen umfassen xRM, Managementkonzepte, KMU sowie Entrepreneurship. Er ist "Erbauer" dieses Blogs und schreibt manchmal in der dritten Person von sich.

2 Kommentare

  1. toller Artikel der Hoffnung macht …

  2. “Ganbaro!” im Land der aufgehenden Sonne…ein wirklich schöner Artikel!

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