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Circles, Groups & Lists – ich kapier’s nicht

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Social Networks: Mir sind die Einteilungen von Freunden zu amerikanisch | Von Johannes Britsch

Circles

Was ein psychodelisches Titelbild. Genau so benommen komme ich mir aber auch vor, wenn ich versuche, Google Plus mit seinen Circles oder die Facebook Groups und Lists zu verstehen. Sicher geht Google in die richtige Richtung und ganz klar riecht es förmlich nach xRM – doch warum wird das Ganze nicht viel einfacher gemacht?

Zurzeit ist Google+, das neue soziale Netzwerk des Suchmaschinen-Giganten, DAS große Thema im Web. Wie sehr das Angebot einschlägt, sieht man am Aktienkurs von Google: 20 Milliarden US-Dollar hat der Handelswert des Unternehmens in den ersten 10 Tagen nach Start von Google+ zugelegt. Heute steht die Aktie – einen Tag vor Google+ mit 482,80$ bewertet – bei 622,46$. Das entspricht einem Zuwachs von 28,93%. In einem Monat!

Ebenso faszinierend: Das Wachstum der Nutzerzahlen von Google+. Nach drei Wochen erreichte das Netzwerk 20 Millionen Mitglieder. 5,3 Mio. davon stammen aus den USA, 2,85 Mio. aus Indien, 0,87 Mio. aus Großbritannien, 0,86 Mio. aus Kanada und 0,71 Mio. aus Deutschland. Soviel zu dem von Bloggern angebrachten Argument, dass die hohe Akzeptanz von Google+ v.a. ein deutsches Phänomen sei. IT-Ingenieur Leon Håland hat eine Grafik angefertigt, die Google+ mit Facebook und Twitter vergleicht:

Google Plus

Das Trendthema Circles

Kein Wunder also, dass sich gleich eine ganze Reihe an Artikeln den Innovationen von Google+ widmet. Besondere Aufmerksamkeit bekommt dabei die Circle-Funktion, die zulässt, dass man Freunde in unterschiedlichen Gruppen sortiert. Eine Präsentation des früheren User Experience Engineers Paul Adams zeigt die grundlegende Idee dahinter:

Was wir auf den Slides sehen, erinnert sehr an xRM: Auch in unserem persönlichen Umfeld haben wir verschiedene “Stakeholder-Gruppen”, die unterschiedlich gepflegt werden müssen. Arbeitskollegen, Familienangehörige, Freunde, Bekannte – ihnen allen sollen jeweils spezifische Informationen zukommen. Nicht jede Gruppe soll das gleiche über mich erfahren. So sollte z.B. nicht beim Arbeitgeber auf ein privates Familienfest hingewiesen werden.

Genau hier setzt Google an. Etwas Ähnliches gab es zwar schon bei Facebook mit Groups und Lists. Mit Circles soll nun aber alles intuitiver werden. Gut – ich habe bis heute nicht ganz verstanden, wer jetzt was von mir sieht… Für all die, denen es ähnlich ergeht, ist hier eine relativ kurze Anleitung für Google+:

Google+ 101 Guide
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Das Thema der Einteilung von Freunden ist nicht zu unterschätzen. So ist auf Netzwertig.de diese Tage eine ganze Abhandlung zu finden, die Vernetzungen durch symmetrische und asymmetrische Systeme vergleicht. Ebenso wird diskutiert, wie Freundeslisten mit Hilfe von Algorithmen automatisch sortiert werden können. Professor Yoav Shoham von der Stanford Universität hat mit Katango eine entsprechende Lösung vorgestellt. In Europa forscht u.a. ein Team der École Normale Supérieure de Lyon in diesem Gebiet. Mit Fellows hat sie ein Experiment online gestellt, das jeder kostenlos testen kann. Nur: Kann man bei einer solch sensiblen Sortierung auf Cluster-Techniken vertrauen?

Ursachen und die einfache Lösung des Circle-Problems

Ich denke, die Wurzel des Problems, das ich mit Circles, Groups und Lists habe, ist, dass es auf einem sehr US-amerikanischen Mindset aufbaut. In den großen Netzwerken herrscht Realnamen-Pflicht, man propagiert sich also als “eine Person” in dem Netzwerk über die Grenzen von Arbeit und Privatem hinweg. Man soll also ganzheitliches “Selbst-Marketing” betreiben, was meiner Meinung nach ein sehr amerikanisches Phänomen darstellt. Eben dies ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum Dienste wie Twitter oder Facebook aus den USA stammen. Man hat genau ein Profil, da hilft auch die Einteilung in Gruppen nicht weiter…

In Europa habe ich das Gefühl, dass die Leute Privates und Geschäftliches stärker voneinander trennen. Viele meiner Freunde haben ein Profil auf Facebook, eines auf XING. Läge es da nicht für Google+ am nächsten, wenn man einfach mehrere Profile pro Person erlauben würde? Dann könnten die Leute ihre Freunde ganz einfach zu dem Profil hinzufügen, in das sie passen. Man hätte ein Profil für die Arbeit, eines für die Uni, eines für das Privatleben – immer mit verschiedenen Fotos und Informationen. Denn schließlich sind wir auch im echten Leben nicht “eine Person”, sondern nehmen mehrere Rollen in verschiedenen Kontexten ein.

Im Endeffekt ist die Möglichkeit, mehrere Identitäten von sich selbst zu erschaffen, doch auch eine der Grundideen des Internet. Ein Web 2.0 oder 3.0, das sich wieder nah an der Realität positioniert – das will ich eigentlich gar nicht so recht. Dabei bin ich mir der Missbrauchs-Problematik bei Pseudonymen in sozialen Netzwerken durchaus bewusst. Doch zeigt die Realität auch, dass viele Leute bereits heute unter falschen Namen auf Facebook & Co. auftreten. Die AGBs der Betreiber gestatten das zwar nicht, nur ist deren Einhaltung natürlich schwer zu kontrollieren. Auch Google, das am Start der Plus-Angebots Pseudonym- und Firmen-Profile rigoros gesperrt hatte, scheint seinen Kurs langsam zu überdenken.

Was also tun? Mein Vorschlag würde wie folgt aussehen: Gestattet den Leuten mehrere Profile pro Person. Ein privates mit Realnamen, und daran angehängt weitere Profile der gleichen Person – entweder mit Pseudonymen oder nach dem Muster “Realname (Arbeit)” oder “Realname (Fußball)”. Die Verknüpfung zum Hauptprofil kann dabei nur für mich sichtbar sein – und für den Betreiber. So würde der Missbrauch eingedämmt werden und eine Integration/Mapping mehrerer Profile auf eine Person wäre zu Werbezwecken immer noch möglich. Und über mein Hauptprofil könnte ich alle anderen Profile mit den dort eingeteilten Freunden managen. Das würde sogar ich kapieren… In einer Grafik:

Social Network xRM

Autor: Johannes Britsch

Johannes Britsch ist Doktorand an der Uni Mannheim. Seine Interessen umfassen xRM, Managementkonzepte, KMU sowie Entrepreneurship. Er ist "Erbauer" dieses Blogs und schreibt manchmal in der dritten Person von sich.

Ein Kommentar

  1. Und jetzt wurde genau dieser Ansatz umgesetzt – ironischer Weise in den USA: http://techcrunch.com/2012/05/22/hmmm-app/

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