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Die Organisation und ihr Ökosystem

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Eine Herleitung des immer populäreren Begriffs “Business Ecosystem” | Von Dr. Helmut Melcher

Wald

Immer wieder finden primär naturwissenschaftlich geprägte Begrifflichkeiten und Konzepte Zugang in die Sphären anderer wissenschaftlicher Gebiete. Ein bekanntes Beispiel ist die Bionik: Dieser interdisziplinäre Bereich greift clevere Lösungen der belebten Natur auf und überträgt sie in den Bereich der Technik – zusammen mit der zugehörigen Begriffswelt. Bei den sogenannten Business Ecosystems findet sich eine ähnliche Konstellation: Erkenntnisse und Begriffe aus natürlichen Ökosystemen werden auf organisationale Beziehungsgeflechte übertragen. Analogien werden genutzt, um Strukturen und Zusammenhänge sowie ihre Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen und Organisation zu erkennen und aufzuzeigen.

Eine rasantes Wachstum an Aufmerksamkeit gewinnt die Welt der Business Ecosystems jüngst durch Unternehmen, die wie beispielsweise Apple – sehr engagiert ein “Ökosystem” um sich aufbauen. Und v.a. durch den offensichtlichen Zusammenhang dessen mit einem überragenden Unternehmenserfolg!

1. Der Begriff Ökosystem und seine herkömmliche Verwendungsweise

Das “Haus” und das “Verbundene” – aus diesen beiden Bestandteilen setzt sich die Vokabel “Ökosystem” in ihrer griechischen Urfassung zusammen. Allein diese Wortkombination lässt bereits vermuten, dass Ökosysteme primär Beziehungen zum Inhalt haben. Und tatsächlich: Im klassischen Sinne bezeichnet man als Ökosystem ein Gefüge, das die Gesamtheit von Lebewesen (Biozönosen) und ihren unbelebten Lebensräumen (Biotopen) vereint. Ein Ökosystem kann also nicht auf die Lebensräume und ihre Bewohner reduziert werden, sondern wird vor allem durch das umfassende Beziehungsgeflecht der Lebewesen untereinander und mit den Lebensräumen bestimmt.

Auf dem Weg hin zu einem besseren Verständnis von Vorgängen in der Natur war die gemeinsame Betrachtung von Lebewesen und ihrem Lebensraum ein durchaus wichtiger Schritt. Als einer der ersten widmete sich der schottische Physiologe John Scott Haldane  im beginnenden 20. Jahrhundert dieses Problems. Er gilt als Begründer des methodischen Holismus in der Biologie, indem er die Auffassung vertrat, dass sich mit dem Verhalten einzelner Teile das jeweilige Ganze nicht vollständig erklären ließe. Parallel zu Haldanes Forschungen beschäftigte sich auch der Münchner Biologe Richard Woltereck in den 1920er Jahren mit Ökosystemen, nannte sie jedoch noch “Ökologischen Gestalt-Systeme”.

1935 schuf der britische Biologe und Botaniker Arthur George Tansley den heutigen Begriff “Ecosystem” (Ökosystem). Er betonte die Bedeutung der Umwelt, der “Habitatfaktoren”, für das Gesamtsystem und formulierte in seiner bis heute gebräuchlichen Definition:

“[In den Ökosystemen] [...] gibt es ständigen Austausch in verschiedenster Form innerhalb des Systems, nicht nur zwischen den Organismen sondern zwischen organischem und anorganischem Bereich.”

Anfang der 1950er Jahre schaffte das Ökosystem-Konzept schließlich seinen internationalen Durchbruch. Einen wichtigen Treiber hierbei stellte das Lehrbuch “Principles of Ecology” dar, das der Ökologe Eugene P. Odum 1953 veröffentlichte. Auf dessen ersten Seiten skizzierte Odum die kommenden Herausforderungen bei der Beschäftigung mit Ökosystemen, denen sich die Wissenschaft in den folgenden Jahren tatsächlich weitestgehend annahm.

2. Organisation als Ökosystem – Business Ecosystems

Heute findet der Begriff des Ökosystems immer öfter auch im Zusammenhang mit Organisationen und wirtschaftlichen Beziehungsnetzwerken Verwendung.

1989 transferierten Robert A. Frosch und Nicholas E. Gallopoulos das Konzept zunächst in den Bereich industrieller Ökosysteme. Micheal Rothschild wiederum bezeichnete ein Jahr später gar die ganze (kapitalistische) Wirtschaft als “living ecosystem”. Der wissenschaftliche Durchbruch gelang im Jahr 1993, als James F. Moore das Konzept der Business Ecosystems im Harvard Business Review veröffentlichte und die Inhalte in seinem Buch “The Death of Competition” verfeinerte. Moore spricht darin von der sich im Laufe der Zeit entwickelnden Koevolution verschiedener “Organismen” des Business Ecosystems, die sich zunehmend an den Richtungsvorgaben der im Ecosystem führenden Parteien orientieren:

“An economic community supported by a foundation of interacting organizations and individuals – the organisms of the business world. The economic community produces goods and services of value to customers, who are themselves members of the ecosystem. The member organisms also include suppliers, lead producers, competitors, and other stakeholders. Over time, they coevolve their capabilities and roles, and tend to align themselves with the directions set by one or more central companies. Those companies holding leadership roles may change over time, but the function of ecosystem leader is valued by the community because it enables members to move toward shared visions, to align their investments, and to find mutually supportive roles.”

Das Konzept wurde z.B. von Power und Jerjian in ihrem Buch “Ecosystem: Living the 12 Principles of Networked Business” weiterentwickelt. Heute ist der Begriff Ecosystem im Zusammenhang mit betriebswirtschaftlichen Überlegungen weit gebräuchlich.

Ein Beispiel: Apple und sein Ecosystem

Eine Art virtuelles Ecosystem hat Apple sich mit dem App Store aufgebaut. Die Plattform, die nach bestimmten Regeln allen Softwareherstellern offen steht, ermöglicht es dem Unternehmen, für seine Geräte eine nie dagewesene Programmvielfalt anzubieten. Gleichzeitig kommen via App Store Millionen Softwarehersteller und Kunden in Kontakt, die ohne diese Brücke womöglich nicht zusammen gefunden hätten. Indem Apple sich den Mitgliedern seines Ecosystems öffnet und kooperative Verbindungen fördert, anstatt ausschließlich auf eigene Softwareentwicklungen zu vertrauen, ergeben sich eine Vielzahl symbiotischer und gewinnversprechender Beziehungen zwischen den beteiligten Parteien.

Dr. Helmut Melcher

Autor: Dr. Helmut Melcher

Dr. Helmut Melcher ist Geschäftsführer der CAS Ecosystems, deren Ziel es ist, die Zusammenarbeit in Business Ecosystems leicht und sicher zu machen. Zum Kundenkreis gehören namhafte Unternehmen wie die DATEV eG, Nürnberg, und die SVG Bundes-Zentralgenossenschaft Straßenverkehr eG, Frankfurt.

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