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Occupy Wallstreet: 99% in Social Networks

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Live aus den USA über Wallstreet-Protestler, Alt-Hippies & soziale Netzwerke | Von Vivien Nikolic

People Profit

“Wir sind die 99%”. Das ist der Slogan der Occupy-Wallstreet-Bewegung. Obwohl der Protest zwischenzeitlich fast von der Bildfläche verschwunden war, finden sich nun wieder fast täglich Berichte in der New York Times und anderen großen Meinungsmachern. Spätestens seit den weltweiten Protesten am 15. Oktober ist “Occupy Wallstreet” offiziell international. Auch in kleineren amerikanischen Städten zeigt man sich solidarisch mit dem New Yorker Vorbild. Die Dynamik des Protests wird dabei maßgeblich von den sozialen Netzwerken bestimmt. In ihnen organisiert sich eine Bewegung, die ihr genaues Anliegen erst noch finden muss.

Vor einigen Tagen war ich im “Sundance”. Das ist der örtliche Bioladen in Eugene, einer 150.000 Einwohner Stadt im US-Bundesstaat Oregon, wo ich gerade ein Auslandssemster verbringe. Der “Sundance” steht für glückliche Erdbeeren und allerlei Produkten aus Bodenhaltung, aber auch für die inoffizielle Schaltzentrale der örtlichen Alt-Hippie-Gemeinschaft. Einer ihrer Vertreter, nennen wir ihn Matt, hatte sich an diesem sonnigen Mittwoch mit einigen selbstgestalteten Plakaten und einem Klapptisch vor dem Sundance positioniert, um Eugenes Vegetarier, Treehugger und Yoga-Freunde für “Occupy Eugene” zu gewinnen. Wie hunderte andere amerikanische Städten zeigt sich auch Eugene solidarisch mit der “Occupy Wallstreet”-Bewegung, die seit einigen Wochen die Gier der Konzerne anprangert. Matt, ein schlacksiger älterer Mann, dem seine langen grauen Haaren in dünnen Zöpfen auf die Schultern fallen, sammelt Unterschriften für eine Petition. Es geht um Corporations, darum, dass Unternehmen nicht die gleichen Rechte haben sollten wie Einzelpersonen, erklärt Matt. Mit seinen Unterschriften will er  die Verantwortlichen in Eugene erreichen. Ich unterschreibe, auch wenn ich nur erahne wofür…

Viele der Aktivisten, die derzeit in den USA auf die Straße gehen, setzen ihre Unterschrift unter ein Anliegen, das sie, wenn man sie fragt, nur mit Mühe erklären können. Kapitalismus, Korruption, das System, die großen Konzerne, Gier – das sind die Schlagworte dieses Protests. Auf den Plakaten steht “Wir sind die 99%”. Die 99 %, die unter dem System leiden, an dem sich die restlichen 1 % bereichern. Die Vagheit der Ziele ist zugleich die größte Schwäche und die größte Stärke der Occupy-Wallstreet-Bewegung. Weniger klar umrissene Forderungen erlauben es mehr Menschen sich mit der Bewegung zu identifizieren – denn an “dem System” finden wohl die meisten etwas auszusetzen. Gleichzeitig ist die vermeintliche Planlosigkeit der wunde Punkt, auf den Kritiker nur allzu gerne zielen.

Eugene Protest

Für die Protestler in Eugene scheint eine gemeinsame Basis auszureichen. Seit dem 15. Oktober besetzen sie einen Park in Downtown Eugene. Mittlerweile ist dort eine ansehnliche Zeltstadt entstanden. Über 15 verschiedene Komitees, darunter die Abteilungen “Visioning”, “Communications” oder “Childcare” sorgen für den reibungslosen Ablauf der Besetzung, die insgesamt etwa einen Monat dauern soll. Diskutiert, organisiert und delegiert wird dabei vor allem im Internet. Auf der Webseite occupyeugenemedia.org erhalten potentielle Neu-Protestler stündlich aktualisierte Infos. Ob Livestream, Fotogallerie, Videos, Forum oder Plakatdesigns zum Runterladen: occupyeugene.com ist auf den Ansturm der Social-Media-Generation bestens vorbereitet. Neben einem eigenen Youtube-Channel sind natürlich auch die sozialen Netzwerke wie Facebook (2700 Mitglieder) und Twitter (750 Follower) Teil der virtuellen Schaltzentrale. Aber stilles Protestieren hinter dem Computerbildschirm reicht nicht, schreibt Mohamed Jemmali vom Oregon Daily Emerald:

“We now live in a world of instant global communication, but Facebook and signing petitions and donating money won’t make a difference if we stay at home.” (Oregon Daily Emerald)

Am 15. Oktober sind etwa 2000 Eugenians und Hunderttausende weltweit diesem Aufruf gefolgt. Nichtzuletzt, weil man den Ankündigen und Appellen auf Facebook und Twitter kaum entkommen konnte. “Occupy Wallstreet” zeigt: Wenn soziale Netzwerke nicht zum alternativen Austragungsort des Protests werden, sondern als Kommandozentrale fungieren, können sie die reale Bewegung maßgeblich mitbestimmen.

Democracy

Beim Protestzug in Eugene waren Hippies genauso dabei wie Punks, Studenten, junge Familien mit kleinen Kindern, Treehugger und Vegetarier. Für viele von ihnen war es die erste Demo ihres Lebens. Dass der Protest in den USA allmählich Gestalt annimmt, ist auch der Tatsache zu verdanken, dass die Amerikaner ein ausgeprägtes Faible für “communities” haben. Während man mit “Du bist Deutschland” auf der anderen Seite des großen Teichs nur spöttische Kommentare erntet, scheinen die Amerikaner zur Zeit “Gemeinschaft” als neuen Trend zu entdecken. Dazu passt: Auch die Organisatoren der Occupy-Eugene-Bewegung adressieren ihre Mitglieder – die “99%” – als “community members”. Das Prinzip ist simpel, aber es funktioniert.

Vivien Nikolic

Autor: Vivien Nikolic

Vivien Nikolic studiert Kultur & Wirtschaft an der Universität Mannheim. Neben dem Studium arbeitet die angehende Wirtschaftsjournalistin als freie Redakteurin und engagiert sich in der Studenteninitiative "Market Team" als Projektmanagements-Vorstand. Ihr Interesse gilt managementbezogenen Fragestellungen jeglicher Art.

2 Kommentare

  1. Eine passgenaue xRM-Online-Plattform für Event bzw. Protest Relationship Management wäre meines Erachtens eine spannende Sache. Facebook ist da ja eher eine Behelfslösung. Und ein komplettes Blog mit Diskussionsforum etc. anzulegen ist wahrscheinlich oft zu viel Aufwand für eine einfache Demo…

  2. Etwas in die Richtung scheint es zumindest zu geben: http://nationbuilder.com/

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